Titel

Einführung

Einführung, Schurz

"Ehe ich das Haus verließ, verweilte ich noch einen Augenblick in meinem Zimmer. Wir wohnten damals auf der Koblenzer Straße und von meinem Fenster hatte ich einen freien Blick auf den Rhein und das Siebengebirge, jene Aussicht, die an Lieblichkeit in der ganzen Welt ihresgleichen sucht. Wie oft hatte ich, in den Anblick dieses anmutigen Bildes versunken, mir träumend eine schöne, ruhige Zukunft aufgebaut! Nun konnte ich in der Dunkelheit nur die Konturen meiner geliebten Berge gegen den Horizont stehend unterscheiden. Hier war meine Arbeitsstube, still wie sonst. Wie oft hatte ich sie mit meinen Phantasien bevölkert! Da waren meine Bücher und Manuskripte, alle von Plänen, Bestrebungen und Hoffnungen zeugend, die ich nun vielleicht auf immer hinter mir lassen sollte. Ein instinktives Gefühl sagte mir, daß es damit nun wirklich vorbei sei. Ich ließ alles liegen, wie es eben lag, kehrte der Vergangenheit den Rücken und ging meinem Schicksal entgegen."

Carl Schurz, Lebenserinnerungen, Band 1*

Unsere Geschichte beginnt um 1700 im Rheinland. Damals gehörte die Region zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, einem Konglomerat weniger großer und zahlreicher Klein- und Kleinststaaten.

Die Fürsten bestimmten als absolute Herrscher über ihre Untertanen. In unserer Region waren dies die Herzöge von Berg und die Erzbischöfe von Köln. Die meisten Dörfer auf der rechten Rheinseite gehörten zum Herzogtum Berg (Hauptstadt Düsseldorf), das mit dem Herzogtum Jülich auf der linken Rheinseite verbunden war. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts war der Herzog von Berg auch Kurfürst von der Pfalz. Um 1700 regierte Johann Wilhelm, ein strenger Katholik. Auch wenn seine Untertanen am Niederrhein ihn durchaus mit Sympathie "Jan Wellem" nannten - er war ein absolutistischer Herrscher, der keine andere Religion neben der katholischen duldete. Die Städtchen Königswinter und Ittenbach mit den Bergen Drachenfels und Wolkenburg auf der rechten und große Ländereien auf der linken Rheinseite gehörten zum Erzbistum Köln. Seit dem Mittelalter waren die Erzbischöfe schon Kurfürsten des Reiches. Von 1583 bis 1761 stellten die bayrischen Wittelsbacher die Kölner Erzbischöfe. In ihrer Bonner Residenz hielten sie groß Hof.

Das Bekenntnis des Landesherrn bestimmte das seiner Untertanen; andersgläubigen Menschen mussten konvertieren oder das Land zu verlassen. Seit dem Westfälischen Frieden (1648) waren das katholische, das protestantische und das calvinistische Bekenntnis anerkannt. Die Täufer hingegen, unten ihnen die Mennoniten, wurden verfolgt. Mit ihrer Forderung nach Religionsfreiheit und einer radikalen Trennung zwischen Kirche und Staat waren sie eine Gefahr für die Obrigkeit. Täufer, die nicht abschworen, konnten sofort und ohne Verfahren hingerichtet werden (Wiedertäufermandat, Reichstag zu Speyer, 1529).

Nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde das in der Pfalz toleranter gehandhabt: dem Kurfürsten Karl Ludwig waren Mennoniten als tüchtige Arbeiter willkommen, um sein zerstörtes Land wieder aufzubauen. Auch Familien aus dem Siebengebirge waren in die Pfalz gezogen. Dann kam der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697). In seinem Bestreben, die Vorherrschaft in Europa zu erlangen, zwang Ludwig XIV. von Frankreich seinen Nachbarländern immer wieder Kriege auf. Bis an den Rhein sollte Frankreich reichen, und dafür setzte er seine Söldnerheere in Marsch. Bald lagen weite Regionen im Westen und Südwesten in Trümmern, und große Teile der Bevölkerung waren auf der Flucht. Ludwig XIV., der schon in Frankreich das Toleranzedikt von Nantes (1598) aufgehoben hatte, wollte auch den Menschen in der Pfalz den Katholizismus aufzwingen. Beim Friedenschluss von Rijswijk (1697) hatte er die Pfalz nur unter der Bedingung abgegeben, dass die Rekatholisierung nicht zurückgenommen würde. Das war ganz im Sinne des streng katholischen Kurfürsten Johann Wilhelm, aber für viele Nicht-Katholiken war es schlimm.

Auch wenn die Fürsten des Reiches Ludwig XIV. bekämpften - seiner prunkvollen Hofhaltung in Versailles eiferten sie nach. Wohl kaum einer von ihnen dachte dabei an seine Untertanen, die mit ihren Abgaben und Frondiensten seine Hofhaltung, seine Feldzüge und den Wiederaufbau finanzieren mussten. Dabei waren die meisten Menschen sehr arm. In der Pfalz und den angrenzenden Gebieten, die besonders unter den Kriegen gelitten hatten, konnte das ruinierte Land nicht mehr alle versorgen. Bittere Not und religiöse Bedrängnis machten die Auswanderung ins ferne Nordamerika zu einer Alternative, auch wenn man kaum etwas darüber wusste. Auf der anderen Seite suchte England Siedler für seine Kolonien. Zahlreiche Werber kamen an den Mittel- und Oberrhein. Formal war die Auswanderung zwar verboten, doch so zersplittert wie die Länder waren, konnten die Fürsten ihre Tätigkeit kaum unterbinden.

Pennsylvania war eine der 13 englischen Kolonien in Nordamerika. Sie ist nach ihrem Gründer William Penn benannt. Penn, ein Quäker, der in England selbst strafverfolgt wurde und zweimal inhaftiert war, predigte religiöse Toleranz und politischen Liberalismus. In seinem Pennsylvania galten Toleranz, Religionsfreiheit, Brüderlichkeit und persönliche Freiheit für Siedler und Indianer. Er suchte den Ausgleich mit den Indianern, sprach mehrere Indianersprachen, und hielt sich an Verträge. Zweimal war er in Deutschland gewesen, um für die Ansiedlung in seiner Kolonie zu werben. 1683 waren 13 mennonitische Familien, aus dem Krefelder Raum um Franz Daniel Pastorius, die "Original 13", auf der "Concord" nach Nordamerika gesegelt. In Pennsylvania gründeten sie Germantown; heute ein Stadtteil von Philadelphia.

Im Prolog zur Geschichte sind Menschen aus unserer Region erwähnt, die 1685 nach Pennsylvania ausgewandert sind. Das ist die Familie Schumacher aus Niederdollendorf, die mit den "Original 13" nach Philadelphia segelten und dort Germantown gründeten. Mehr über die Schumachers erfahren Sie auf der Seite www.niederdollendorf.de im Beitrag "Von Niederdollendorf nach Philadelphia"von Andreas Frohnhaus.

Alle Personen und Orte in Amerika wie der Landgasthof "Merry Dragon Inn" und die "Mirbi Creek Road" im Südosten Pennsylvanias frei erfunden, sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt. Die Ausnahme ist Carl Schurz. Als junger Student in Bonn kämpfte er mit seinem Professor Gottfried Kinkel 1848/49 für Freiheit und Demokratie. Doch die Revolution scheiterte, der badisch-pfälzische Aufstand wurde von preußischen Truppen niedergeschlagen. Kinkel wurde verletzt und geriet in Gefangenschaft. Schurz entkam mit knapper Not. 1850 befreite er in einer tollkühnen Aktion Kinkel aus dem Spandauer Zuchthaus. Zwei Jahre später ging er mit seiner Frau Margarethe in die USA und wurde dort ein bedeutender Staatsmann.

Bliss ist das englische Wort für Segen, Freude, Glück.

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