Snobismus und Kastengeist

[Rheinland, um 1893/94] Die Schattenseiten der Wilhelminischen Gesellschaft.

Sophie und Andras waren zu Besuch bei ihrer Familie am Rhein. Auch wenn es ein ganz privater Besuch war, hatte die Anwesenheit des Grafen  doch für Aufmerksamkeit gesorgt.

Eine merkwürdige Feier

Die Ballsaison in vollem Gange, und manche Gastgeberin wollte ihre Resident mit seiner Anwesenheit schmücken, immerhin war er Diplomat im Dienst des engen Verbündeten Österreich-Ungarn. So bekam er eine Einladung zu einem sehr vornehmen Ball in Bonn, seine Frau Sophie mochte ihn begleiten. Andras spürte gleich, dass man Sophie nur eingeladen hatte, weil er sonst nicht kommen würde. Lena und Emil waren nicht eingeladen, und schon gar nicht die Amerikaner Lorenz und Annelie.

Andras war wohl bewusst, dass es viele Snobs gab, die heimlich auf seine geliebte Frau herabsahen, als wenn sie keine passende Partie für einen Grafen wäre. Diese Leute ertrugen es nicht, dass Sophie, ein einfaches Mädchen aus einer Demokraten-Familie, die sogar einige Zeit im Exil verbracht hatte, nun mit einem Diplomatenpass in der Hand die elegante Welt sah. Ihre Begabung, ihre harte Arbeit und ihr Engagement schienen nichts zu gelten.

Die Schattenseite der wilhelminischen Gesellschaft

Der Graf war empört. Gerne würde er zusagen, ließ er die Gastgeber wissen, wollte jedoch die Verwandten seiner Frau nicht vernachlässigen. Man beeilte sich, ihm zu versichern, dass auch Herr Emil Bergmann mit Gattin und Herr Lorenz Bergmann mit Gattin willkommen seien.

Mehr aus Neugierde gingen sie alle zu dem Ball und schauten sich diskret um. „Das ist die Schattenseite der wilhelminischen Gesellschaft“, flüsterte Lena, „so viel Snobismus, Kastengeist, so viele Leute, in Uniform oder nicht, die auf andere herabsehen.“ Graf Andras nickte. „Ja, ein teures Kleid und eine Perlenkette machen noch keine Dame, und dieser Herr mit dem Zylinder und der diamantenen Krawattennadel hat wahrscheinlich eine Affäre mit dem Dienstmädchen, die Angst um ihren Arbeitsplatz hat und nicht wagt, ihn zurückzuweisen.“

Mit untadeligen Manieren und sehr subtil spielten sie die Snobs gegeneinander aus, und lächelten sich zu, als ihr Plan aufging. Dann nickte Sophie sehr diskret Annelie zu. „Lasst uns gehen, das ist nicht unsere Welt.“

Lottie und Matthias

„Ich sorge mich nur um Lottie“, sagte Annelie auf ihrem Weg zurück zum Weingut Bergmann, „wir lieben unsere Kinder und möchten, dass sie das Leben leben, von dem sie träumen, und Lotties Traum ist hier, Wein anbauen mit Matthias. Doch all diese Snobs erwarten wohl eher von Euch, dass Ihr sie in ein Internet für wohlerzogene junge Damen steckt, bis sie irgendeinen langweiligen Herrn mit diamantener Krawattennadel heiratet.“

Graf Andras dachte eine seine Tochter. Seit ihren Kindertagen war Lottie am glücklichsten, wenn sie durch die Weinberge streifen konnte, ihre allerbesten Freunde waren Susan und Matthias, ein anderer Cousin aus der großen Bergmann Familie. Aus der Kinderfreundschaft war Liebe geworden, Lottie und Matthias wollten ihr Leben miteinander teilen, auf dem Weingut Bergmann.

Pläne für Amerika

„Sei unbesorgt“, sagte der Graf mit einem breiten Lächeln, „die Liebe zum Land, zum Anbauen und Ernten, das sind die Gene meiner Mutter. Die geborene Gastgeberin und Managerin, dass sind die Gene von Sophies Mutter. Von beiden Großmüttern hat Lottie ihre Dickköpfigkeit und ihr optimistisches Wesen geerbt. Sie ist kein Mädchen, dass sich von irgendjemanden ihr Glück kaputtmachen lässt.“

„Da ist etwas, war wir mit Euch besprechen möchten“, fügte Sophie hinzu, „unser Sohn Joscha wird auf die Universität gehen, aber als Mädchen kann Lottie das nicht. Wir möchten, dass sie die bestmögliche Ausbildung bekommt. Nun ist ihr Traum, Winzerin zu werden, deshalb würden wir sie und Matthias gerne für ein Jahr nach Amerika schicken, um ihre Kenntnisse auf dem „Mountain Men“ Weingut zu vervollkommnen.“

Lorenz und Annelie waren sprachlos. Lächelnd fuhr Lena fort. „Schaut, die beiden werden nach und nach die Leitung unseres Weinguts übernehmen, und wir möchten sehr, dass unser Familienunternehmen in der Familie bleibt. Und Sophie wird die beiden hinbringen. Denkt Ihr, dass Eure Familie in Virginia zustimmt?“ „Sie werden außer sich vor Freude sein“, sagten Lorenz und Annelie wie aus einem Mund.

Wir sehen uns in New York!

Sie blieben zu Lotties und Matthias‘ Hochzeit, die auf dem Weingut Bergmann gefeiert wurde. Bald würde ein Traum in Erfüllung gehen, sie würden für ein Jahr nach Amerika gehen, und Sophie würde sie auf der Hinreise begleiten.

Dann wurde es Zeit für Lorenz und Annelie, Lebewohl zu sagen. Ihre deutsche Familie begleitete sie zum Hauptbahnhof in Bonn. Lorenz‘ Herz war schwer, er wusste nicht, ob er seine Heimat am Rhein wiedersehen würde. Doch er hatte etwas, auf das er sich freuen konnte. „Annelie und ich werden Euch in New York abholen“, rief er, als sie am offenen Zugfenster standen und zum Abschied winkten.

Bildnachweis
Das Bild ist aus der Deutschen Wikipedia, public domain section.

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