Verfolgung und Not 1683-1776

Unsere Geschichte beginnt um 1700 im Rheinland. Damals gehörte die Region zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, einem Konglomerat weniger großer und zahlreicher Klein- und Kleinststaaten.

Absolute Herrscher und Untertanen

Die Fürsten bestimmten als absolute Herrscher über ihre Untertanen. In unserer Region waren dies die Herzöge von Berg und die Erzbischöfe von Köln. Die meisten Dörfer auf der rechten Rheinseite gehörten zum Herzogtum Berg (Hauptstadt Düsseldorf), das mit dem Herzogtum Jülich auf der linken Rheinseite verbunden war. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts war der Herzog von Berg auch Kurfürst von der Pfalz. Um 1700 regierte Johann Wilhelm, ein strenger Katholik. Auch wenn seine Untertanen am Niederrhein ihn durchaus mit Sympathie „Jan Wellem“ nannten – er war ein absolutistischer Herrscher, der keine andere Religion neben der katholischen duldete.

Die Städtchen Königswinter und Ittenbach mit den Bergen Drachenfels und Wolkenburg auf der rechten und große Ländereien auf der linken Rheinseite gehörten zum Erzbistum Köln. Seit dem Mittelalter waren die Erzbischöfe Kurfürsten des Reiches. Von 1583 bis 1761 stellten die bayrischen Wittelsbacher die Kölner Erzbischöfe, und hielten groß Hof in ihrer Bonner Residenz

Keine Religionsfreiheit

Das Bekenntnis des Landesherrn bestimmte das seiner Untertanen; andersgläubigen Menschen mussten konvertieren oder das Land zu verlassen. Seit dem Westfälischen Frieden (1648) waren das katholische, das protestantische und das calvinistische Bekenntnis anerkannt. Die Täufer hingegen, unten ihnen die Mennoniten, wurden verfolgt. Mit ihrer Forderung nach Religionsfreiheit und einer radikalen Trennung zwischen Kirche und Staat waren sie eine Gefahr für die Obrigkeit. Täufer, die nicht abschworen, konnten sofort und ohne Verfahren hingerichtet werden (Wiedertäufermandat, Reichstag zu Speyer, 1529).

Ganze Regionen sind verheert

Nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde das in der Pfalz toleranter gehandhabt. Dem Kurfürsten Karl Ludwig waren Mennoniten als tüchtige Arbeiter willkommen, um sein zerstörtes Land wieder aufzubauen. Auch Familien aus dem Siebengebirge waren in die Pfalz gezogen.

Dann kam der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697). In seinem Bestreben, die Vorherrschaft in Europa zu erlangen, zwang Ludwig XIV. von Frankreich seinen Nachbarländern immer wieder Kriege auf. Bis an den Rhein sollte Frankreich reichen, und dafür setzte er seine Söldnerheere in Marsch. Die kurfürstliche Residenzstadt Bonn wurde 1688 über Monate belagert und beschossen, bis sie schließlich kapitulierte. Im Mai 1689 plünderte die Soldateska bei Oberkassel und Dollendorf, Königswinter und Rhöndorf wurden geplündert und in Brand gesteckt.

Bald lagen weite Regionen im Westen und Südwesten in Trümmern, und große Teile der Bevölkerung waren auf der Flucht. Ludwig XIV., der schon in Frankreich das Toleranzedikt von Nantes (1598) aufgehoben hatte, wollte auch den Menschen in der Pfalz den Katholizismus aufzwingen. Beim Friedenschluss von Rijswijk (1697) hatte er die Pfalz nur unter der Bedingung abgegeben, dass die Rekatholisierung nicht zurückgenommen würde. Das war ganz im Sinne des streng katholischen Kurfürsten Johann Wilhelm, aber für viele Nicht-Katholiken war es schlimm.

Auch wenn die Fürsten des Reiches Ludwig XIV. bekämpften – seiner prunkvollen Hofhaltung in Versailles eiferten sie nach. Wohl kaum einer von ihnen dachte dabei an seine Untertanen, die mit ihren Abgaben und Frondiensten seine Hofhaltung, seine Feldzüge und den Wiederaufbau finanzieren mussten. Dabei waren die meisten Menschen sehr arm. In der Pfalz und den angrenzenden Gebieten, die besonders unter den Kriegen gelitten hatten, konnte das ruinierte Land nicht mehr alle versorgen.

Kolonien in Amerika

Spanien, Frankreich und England hatten Kolonialbesitz in Nordamerika. Frankreich am St. Lorenz-Strom, den Großen Seen und im Mississippi-Tal, England hatte seine 13  Kolonien an der Ostküste. Westlich der Appalachen war Indianergebiet. Im Südwesten und Westen hatte Spanien sein Kolonialreich. Anders als Spanier und Franzosen wollten die Engländer ihre Kolonien besiedeln, man warb sogar für die Ansiedlung in Nordamerika.

Die meisten Auswanderer im 17. Jahrhundert wurden ihrer Religion wegen verfolgt: Mennoniten, Amische, Herrnhuter Brüder, Tunkern, Hugenotten und Lutheraner. Sicher hofften auch sie auf ein besseres Leben dort.

Pennsylvania

Pennsylvania war eine der 13 englischen Kolonien in Nordamerika. Sie ist nach ihrem Gründer William Penn benannt. Penn, ein Quäker, der in England selbst strafverfolgt wurde und zweimal inhaftiert war, predigte religiöse Toleranz und politischen Liberalismus. In seinem Pennsylvania galten Toleranz, Religionsfreiheit, Brüderlichkeit und persönliche Freiheit für Siedler und Indianer. Er suchte den Ausgleich mit den Indianern, sprach mehrere Indianersprachen, und hielt sich an Verträge. Zweimal war er in Deutschland gewesen, um für die Ansiedlung in seiner Kolonie zu werben.

Auswanderung verboten

Die meisten Menschen im Reich waren Untertanen, oft sogar Leibeigene, und im Sinne der merkantilistischen Wirtschaftsordnung waren die Untertanen Kapital. Folglich war in allen deutschen Staaten war ins 19. Jahrhundert hinein die Auswanderung verboten; wer seine Heimat verlassen wollte, musste eine Genehmigung des Landesherrn einholen. In den südwestdeutschen Staaten, die besonders unter den Kriegen gelitten hatten, wurde das pragmatischer gehandhabt: Das ruinierte Land konnte nicht mehr alle versorgen, und so ließ man Menschen abwandern. Viele Bauern, Landarbeiter und selbständige Handwerker aus dem Südwesten Deutschlands wagten mit ihren Familien einen Neuanfang in Nordamerika.

Die „Original 13“

1683 waren 13 mennonitische Familien, aus dem Krefelder Raum um Franz Daniel Pastorius, die „Original 13“, auf der „Concord“ nach Nordamerika gesegelt. In Pennsylvania gründeten sie Germantown; heute ein Stadtteil von Philadelphia.

1685 wanderten auch Menschen aus unserer Region, die Familie Schumacher aus Niederdollendorf, nach Pennsylvania aus. Mehr über die Schumachers erfahren Sie auf der Seite www.niederdollendorf.de im Beitrag „Von Niederdollendorf nach Philadelphia“ von Andreas Frohnhaus.

Massenemigration aus der Pfalz

Nur wenige Jahre nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekriegs brach der Spanische Erbfolgekrieg aus. 1703 wurde Bonn erneut bombardiert. In der Pfalz litten die bitterarmen Menschen unter dem Krieg, und dann brachte der überaus strenger Winter 1708/09 Hunger und Not.

Bittere Not und religiöse Bedrängnis machten die Auswanderung ins ferne Nordamerika zu einer Alternative, auch wenn man kaum etwas darüber wusste.  An die 13.000 Menschen machten sich damals nach Amerika auf.

Auf der anderen Seite suchte England Siedler für seine Kolonien. Königin Anne Stuart brauchte auch Kolonisten, die neue Harzvorkommen für die britische Krone erschlossen, denn Harz war Grundstoff für Pech und Teer, das brauchte die englischen Schiffbauer.  Zahlreiche Werber kamen an den Mittel- und Oberrhein. Formal war die Auswanderung zwar verboten, doch so zersplittert wie die Länder waren, konnten die Fürsten ihre Tätigkeit kaum unterbinden.

Vertragsknechte

Seit dem späten 17. Jahrhundert konnten völlig verarmte Menschen als Vertragsknechte (Redemptioner) nach Nordamerika auswandern. Dabei verpflichteten sie sich, nach Ankunft mehrere Jahre für einen amerikanischen Dienstherrn zu arbeiten, der dafür die Kosten der Atlantiküberfahrt erstattete.  Es war sicher ein beklemmender Gedanke, sich in die Abhängigkeit eines völlig unbekannten Dienstherrn zu begeben, aber auch eine Chance auf einen Neubeginn.

Damals wusste man kaum etwas von Nordamerika, ein zuverlässiges Postwesen gab es erst im frühen 19. Jahrhundert. Die Reise mit dem Segelschiff war gefährlich, die Menschen nahmen unendliche Strapazen auf sich. Zu Fuß oder mit Pferdewagen ging es  an die Donau und den Rhein, dann mit Schiff weiter über den  Rhein nach Rotterdam, von da Antwerpen, London und auch Le Havre. Hier legten die großen Segelschiffe nach Nordamerika ab, die Überfahrt dauert 8-10 Wochen.

Unabhängigkeitskrieg und hessische Soldaten

Zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs lebten dort an die 225.000 bis 250.000 deutsche oder deutschstämmige Kolonisten. Sie sympathisierten und kämpften teils mit den amerikanischen Rebellen, teils mit den Briten.

Viele Amerikaner waren empört darüber, dass die britische Regierung im Ausland ein ganzes Heer angemietet hatte und nun gegen sie schickte. Die verschiedenen deutschen Fürstentümer stellten fast 30.000 Soldaten zur Verfügung, Hessen-Kassel allein entsandte mehr als 12.000 Soldaten. Bald sprach man in Amerika allgemein von den „Hessians“. Viele von ihnen waren nicht freiwillig in der Armee, hatten aber keine Wahl: desertierte ein Soldat, so musste ein Verwandter an seiner Stelle dienen. Nach dem Ende des Krieges blieben an die 5.000 Soldaten aus Hessen in den nunmehr unabhängigen USA.

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