Bergmanns und Mountain Men

[Amerika, um 1820/30] Beide Brüder bauen sich ein neues Leben auf und finden ihr Glück.

1821 war die ganze Familie Bergmann in Washington. James Monroe, auf dessen Schiff Emmett, Johann und Laurie damals nach Europa gesegelt waren, wurde als 5. Präsident der Vereinigten Staaten zu seiner zweiten Amtszeit vereidigt. Am Nachmittag hatte James sie alle zu einem Fest in sein Haus eingeladen.

Präsident James Monroe

„Schmeckt Ihnen der Wein?“ fragte eine fröhliche Stimme hinter Heinrich. Er drehte sich um – da stand eine junge Frau, die ihn erwartungsvoll ansah, „er stammt von unserem Gut in Virginia. Wisst Ihr, wenn ein Präsident aus Virginia vereidigt wird, sollten wir doch mit Virginia-Wein auf ihn anstoßen, nicht?“ „Natürlich“, sagte Heinrich spontan, doch dann fiel ihm, der sonst nicht um Worte verlegen war, nichts mehr ein – er hatte gerade die Frau seines Lebens getroffen.

Präsident Monroe war besorgt. In der Alten Welt hatten die absolutistischen Mächte nach der Zeit der Französischen Revolution und Napoleons ihre Macht restauriert und gingen nun entschieden gegen republikanische und liberale Ideen und Institutionen vor. Die Monarchen Russlands, Österreichs, Preußens und Frankreichs hatten sich in der „Heiligen Allianz“ zusammengetan, um gemeinsam diese alte Ordnung zu verteidigen.

Amerika den Amerikanern! (1823, Amerika)

Fast schien es so, als würde die Restauration der alten Welt sich auch auf die neue ausdehnen. Während der Napoleonischen Kriege in Europa hatten sich die Kolonien in Lateinamerika gegen Spanien und Portugal erhoben. Als die Herrscher nun mit Hilfe der Heiligen Allianz ihre Herrschaft wiederherstellen wollten und Russland Alaska für sich forderte, sprach Präsident James Monroe eine deutliche Warnung aus: „Wir sind es daher der Aufrichtigkeit und den freundlichen Beziehungen, die zwischen den vereinigten Staaten und jenen Mächten walten, schuldig zu erklären, dass wir jeden Versuch von ihrer Seite, ihr System auf irgend einen Teil dieser Hemisphäre auszudehnen, als für unseren Frieden und unsere Sicherheit gefährlich ansehen würden.“*

„Frieden, Sicherheit“, wiederholte Johann die Worte der Monroe-Doktrin. Nach all den Jahren war ihm und seiner Familie das zuteil geworden. Und was für eine Familie hatte er da! Als zwangsweise rekrutierter hessischer Soldat war er nach Amerika gekommen und hatte in die Familie des Mannes geheiratet, dem sein Großonkel einst zu Flucht verholfen hatte.

Seine beiden Kinder James und Jenny waren glücklich. James lebte mit seiner Familie in Washington, er ging auf in seiner Arbeit für die Library of Congress. James würde seinen Weg machen.

Jennys Geschirr im „Merry Dragon“

Jenny und Niklas hatten geheiratet und führten nun den „Merry Dragon“. Sie bekamen einen Sohn, Harvey. Laurie behielt Recht, schon bald war der „Merry Dragon“ auch wegen Jennys schönem Geschirr bekannt. Auf ihren Tellern und Tassen tummelten sich kleine und große Drachen, die über Berge und Täler hinweg flogen oder durch einen großen Fluss schwammen. „Wo ist das?“ wurde sie oft gefragt. „Das ist Urgroßvaters und Niklas‘ Heimat, das Siebengebirge am Rhein. Auch mein Vater kommt vom Rhein, und da ist uns Kindern die Liebe zu Drachen in die Wiege gelegt“, sagte sie dann lächelnd, „dort im Siebengebirge gibt es einen Hügel, den Drachenfels, auf dem einst ein mythischer Drache gelebt haben soll. Der berühmte Lord Byron aus England hat ihm sogar das Gedicht „Der turmgekrönte Drachenfels“ gewidmet.“

Niklas‘ Zeichnungen

In ruhigen Stunden saß Niklas oft auf der Veranda und zeichnete. Man liebte seine kleinen Werke und viele Nachbarn baten ihn, sie selbst und ihre Häuser zu zeichnen, für die Verwandten in der Alten Welt. Damit nicht genug, unterstütze er kleine Schule in Mirbi Creek und half vielen Kindern, lesen und schreiben zu lernen. Einmal in der Woche kamen sie zu ihm in den „Merry Dragon“, dann saßen in der von Jennys Großvater Ambrose gefertigten Kinder-Sitzgruppe, jeder vor einem von Jenny getöpferten Teller mit Gebäck, und sie lasen zusammen. Ihr Söhnchen Harvey war immer dabei.

Briefe nachhause

Auch die Bergmann Brüder hielten Kontakt zu ihren Verwandten daheim. Ein reger Briefwechsel entspann sich zwischen Niklas und seinem Cousin Hubert Limbach, einem Volksschullehrer. Das musste man den Preußen lassen, um das Schulwesen kümmerten sie sich. Hubert, seine belgischen Ehefrau Henriette und seine Mutter, liebevoll „Oma Limbach“ genannt, lebten in einem kleinen Häuschen am Rhein.Sie hatten dort ein Familienunternehmen aufgebaut. Oma Limbach, eine begabte Näherin und Hutmacherin, hatte sich eine kleine Werkstatt eingerichtet und stellte aus gebrauchten Materialen schöne neue Sachen her. Lange Jahre war sie Näherin am Hof des Großherzogtums Berg gewesen. Nach der Niederlage Napoleons hatten sich die französischen Beamten bei Nacht und Nebel mit der Staatskasse nach Frankreich abgesetzt. Nun konnte auch sie endlich nachhause, und in ihrer Tasche waren jede Menge goldene Litzen, Knöpfe, feine Spitzen und Garne, die die Beamten brauchten sie nicht mehr. Oma Limbach schon – damit gab sie vielen alten Sachen neue Chic.

Henriette betrieb eine kleine Gastwirtschaft, das „Limbach Stübchen“, hier schenkte sie selbstgemachte Schokolade aus. Hubert lud oft die Kinder ins Stübchen ein und übte Lesen mit ihnen lesen. Henriette verwöhnte sie mit heißer Schokolade und einem Imbiss, und dann zeigte ihnen Hubert Niklas‘ Zeichnungen und erzählte von Amerika.

Niklas lächelte. Das Leben seines Cousins Huberts und seiner Familie war ganz ähnlich wie das seine.

Das Mountain Man Weingut im Shenandoah-Tal

Heinrich lebte mit seiner Frau Rebekka auf dem Weingut ihrer Familie im Shenandoah-Tal in Virginia. Johann hatte ihn da besucht. Braungebrannt und Körbe mit Trauben unter den Armen kam er aus dem Weinberg, ihm hinterher seine beiden Söhne Joseph und Ben. Bald würden sie noch ein Schwesterchen bekommen. „Mountain Man’s Bliss“, sagte er lächelnd und deutete auf seine Kinder, und das war auch der Namen seiner Weine – „Mountain Man’s Red Bliss“ und „White Bliss“. Man sah Heinrich an, dass er glücklich war. Johann lächelte noch mehr. Jetzt war ihr Familienname Bergmann nicht nur ins englische „Mountain Man“ übersetzt, sondern ein bisschen Programm geworden.

Johann war zufrieden. Auch Hedy Bergmann waren noch viele glückliche Jahre in Amerika vergönnt gewesen. Bald würde die junge Generation übernehmen, und sie verstand sich bestens. Er spürte, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde, und er blickte mit Dankbarkeit auf sein Leben. Wenige Monate später starb er im Frieden, und kurz darauf auch seine Frau Laurie.

* Zitiert aus der Monroe-Doktrin, zu finden in der freien Enzyklopedia Wikipedia.

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