Heimreise ins Deutsche Reich

[Rheinland, um 1872] Lorenz wird begnadigt und kann endlich nach Deutschland reisen.

Nun, da sie am Ziel waren, ließen Kaiser Wilhelm I. und Bismarck vielen 1848ern gegenüber Milde wallten. Die preußischen Behörden hoben den Haftbefehl gegen Lorenz auf. Endlich konnte er zu einem Besuch nach Deutschland kommen!

Zurück in Bonn

Der Zug ratterte. Bald würde er im Bahnhof Köln einlaufen, und dann würde er endlich den Rhein wiedersehen. Lorenz drückte seine Nase gegen die Scheibe wie damals, als er als kleiner Junge zum ersten Mal mit seinem Vater Zug gefahren war. Er tastete nach seinem Gepäck. Die Flasche „Mountain Man’s Bliss“, die er mit so viel Liebe und Sorgfalt den ganzen Weg nach New York, über den Atlantik und dann vom Hamburg nach Köln gebracht hatte, war unversehrt. Dann lief der Zug in Köln ein. Lorenz sprang auf und sah aus dem Fenster. Und da sah er sie schon auf dem Gleis stehen: Emil und Lena, seine Eltern, seine ganze Familie!

Lorenz war erstaunt, wie viel sich gerade in seiner alten Heimat veränderte. Nach Jahrhunderten der Kleinstaaterei bekam die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands durch die Einigung einen gewaltigen Schub. Nun wurden reichsweit einheitliche Maße, Gewichte und die Goldmark als Währung eingeführt. Ein einheitliches Bürgerliches, Handels- und Strafrecht sowie ein gleicher Instanzenweg vom Amtsgericht bis zum Reichsgericht schufen Rechtssicherheit. Durch die französischen Reparationsleistungen kam ein „Milliardensegen“ ins Land. Die Wirtschaft boomte, neue Unternehmen wurden gegründet, in den Großstädten und Industriegebieten entstanden neue Fabriken und das Eisenbahnnetz wurde weiter erweitert. Wer das Geld hatte, kaufte Aktien und ließ sich eine prächtige Villa bauen.

Wiedersehen mit Familien und Freunden

Auf dem Weingut Bergmann kamen all seine Angehörigen und Freunde zusammen. Nach so langer Zeit sah er endlich seine Lieben wiedersehen. Sophie und Andras konnten endlich mit allen ihre Hochzeit feiern.

Die Gäste tanzten, schmausten und sangen. Noch immer schien Lorenz wie der große Junge, doch erste graue Strähnen und Furchen in seinem Gesicht verrieten, wie sehr ihn die Kriegsjahre mitgenommen hatten. Immer und immer wieder hatten sie sich umarmt, und bis tief in die Nacht hatte er erzählen müssen – von Annelie, seiner Frau, Amber, ihrer Tochter, ihrem Gasthof, dem „Merry Dragon“, und dem „Mountain Men“ Weingut der amerikanischen Bergmanns im Shenandoah Valley, wo Annelie aufgewachsen war. Die Flasche „Mountain Man’s Bliss“, die er von dort mitgenommen hatte, war längst leer.

Auch Sophies Schwiegereltern, Graf und Gräfin Csabany, waren gekommen. Österreich hatte seinen Frieden mit Ungarn gemacht, im Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 war die Doppelmonarchie entstanden. Endlich konnten Csabanys glücklich auf ihr Familiengut in Ungarn zurückkehren; Andras und Sophie würden ihnen im diplomatischen Dienst Österreich-Ungarns nachfolgen.

Csabany Programm

Sophie war ein wenig nervös, sie war ein einfaches Mädchen, keine geborene Gräfin und Diplomatin. Liebevoll ermunternd von ihrem Mann, der sehr stolz auf sie war, erzählte sie von ihren Plänen. „Wir möchten ein Ausbildungs- und Austauschprogramm für Hutmacher und andere handarbeitende Berufe aufbauen“ begann sie, „und einen kleinen Lehrbetrieb. Wir möchten talentierte Menschen aus unseren Ländern zusammenbringen und ihnen eine Art Gesellenzeit in einem anderen Betrieb ermöglichen. So können sie nicht nur ihre handwerklichen Fähigkeiten vervollkommnen, sondern auch alles rund ums Geschäft lernen und Kontakte knüpfen. Ich möchte damit auch vielen jungen Frauen helfen, für sich und ihre Familien ein besseres Leben aufzu bauen. Madame Charlotte will mitmachen, Mutter hier macht seit Jahren herrliche Tischwäsche wie unseren Gründerin Oma Limbach, und Mutter in Wien hat gute Kontakte zu Wiener Geschäften.“ Familie und Freunde umarmten sie, und auch Lorenz strahlte. „Ganz die Enkelin Deines Großvaters Hubert“, sagte er, „und Eure Kinder werden Bildungsmöglichkeiten haben, von denen wir nur träumen konnten. Ich wünschte, er hätte das noch erlebt.“

Elsass-Lothringen

Bei aller Freude über das Wiedersehen nach so vielen Jahren sah Lorenz auch Sorgen in den Gesichtern seiner Lieben. Sophies Bruder Hans war sein Leben lang Kapitän auf einem Rheindampfer, so wie sein Vater Jean. Er konnte sich nicht vorstellen, etwas anderes zu tun, er liebte den mächtigen alten Strom, der doch die Menschen an seinen Ufern zusammenbringen sollte, nicht trennen. Er und die Bergmann waren gut befreundet mit Kapitän Boule-Piquelot aus dem Elsass. Der fuhr auf seinem kleinen Ausflugsdampfer, der „Aimée“, vom Elsass bis hinauf nach Köln und zurück. Mit seinen Gästen besuchte er Weinorte auf beiden Seiten des Rheins, dort genossen sie eine Weinprobe und ein schönes Abendessen, und dann ging die Fahrt weiter. Auch an Bord der „Aimée“ gab es leckeres Essen. Nichts abgehobenes, einfache Küche mit guten Zutaten, liebevoll zubereitet. So war Kapitän Boule-Piquelot mit dem Weingut Bergmann ins Geschäft gekommen. Emil und Lena freuten sich, wenn die „Aimée“ am Rheinufer anlegte, dann gab es Weinproben und leckeres Essen.

Nun war das alle schwierig geworden. Frankreich hatte Elsass-Lothringen an das Deutsche Reich abtreten müssen, und das hatte zu einer großen Verbitterung geführt. Niemand hatte die Menschen dort gefragt. In Deutschland waren die meisten Parteien für die Annexion. „Es ist Unrecht“, sagte Lena, „und nur die SPD und die Deutsche Fortschrittspartei haben protestiert. Wir wollen den Kontakt zu Kapitän Boule-Piquelot und unseren Winzerkollegen dort aufrecht erhalten.“ Lorenz nickt. „Da bin ich ganz bei Euch. Wie haben zu oft gesehen, wie das Recht des Stärkeren gilt, wir werden dem nie zustimmen.“

Der Verein für die Verschönerung des Siebengebirges

Auch im Siebengebirge geschah viel; nun führte ein Kutschweg hinauf zum Drachenfels. „Ja“, sagte Emil strahlend, „seit dem 9. April 1870 haben wir den „Verschönerungs-Verein für das Siebengebirge“, wir möchten das Siebengebirge für die vielen Menschen besser zugänglich machen. Stell‘ Dir vor, wir hatten gleich 450 Mitglieder, und wir sind mit dabei. Und Du, Mountain Man, kommst sicher auch dazu, nicht?“ Lorenz war verdattert. „Aber .. kann ich das überhaupt, wo ich so weit weg in Amerika lebe?“ „Natürlich kannst Du“, sagte Emil entschieden, „ein Teil von Dir ist doch hier, so wie ein Teil von uns bei Euch drüben ist.“

Keine Demokratie

„Natürlich bin ich froh, dass das Land geeint ist“, sagte Emil eines Abends, als er mit Lorenz bei einer Flasche Rheinwein von ihrem Weinberg zusammen saß. „Doch wir haben keine liberale Monarchie wie Großbritannien und schon gar keine Demokratie wie Ihr in den USA. Der Reichstag wird in freier, geheimer und allgemeiner Wahl aller Männer gewählt, doch der Reichskanzler, immer der preußische Ministerpräsident, ist mit seinem Kabinett nicht dem Reichstag, sondern dem Kaiser verpflichtet, und so hat Bismarck sein Amt von Anfang an gesehen. Und in Preußen gilt nach wie vor das Dreiklassenwahlrecht, da hat sich seit Deiner Zeit nichts geändert.“

Lorenz wusste es wohl. Man hatte die Bevölkerung nach ihren Steuerleistungen in drei Klassen eingeteilt: Die Bürger der ersten und zweiten Klasse, die ein hohes Einkommen hatten und entsprechend hohe Steuern zahlten, schickten die meisten Vertreter ins Preußische Abgeordnetenhaus, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachten. Sie waren also deutlich überrepräsentiert. Mit Abstand die meisten Menschen in Preußen zahlten aufgrund ihres geringen Einkommens wenig Steuern und gehörten in die Dritte Klasse, die im Abgeordnetenhaus deutlich unterpräsentiert war. „Dieses Wahlrecht bevorzugt nicht nur die Vermögenden, sondern schließt große Teile der Bürger und die Arbeiterschaft aus“, sagte Emil bedrückt, „in unserer Region haben nur etwa 5% überhaupt das Wahlrecht.“ Lorenz stimmte zu: „Ein geeintes Land, aber kein demokratisches.“

Auf beiden Seiten des Atlantiks

In den nächsten Tagen würde Lorenz zurückreisen, und in ihm tobten verschiedene Gefühle. Er sehnte sich danach, seine Frau Annelie und seine Tochter Amber wieder in die Arme zu schließen, und er sehnte sich nach seinem neuen Zuhause in Amerika. Doch seine deutsche Familie und seine alte Heimat hatten genauso einen Platz in seinem Herzen. Nun war er wenigstens sicher, dass alles in guter Ordnung war. Er schaute hinauf zum Himmel. „Bald werde ich wieder auf der anderen Seite des Atlantiks sein“, sagte er, „und wir werden wieder weit weg von einander leben. Aber wir sehen alle dieselben Sterne.“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*