Onkel Harvey aus Amerika

[Amerika, um 1877] Ein zweites Mal reisen Emil, Lena und ihre Tochter in die USA.

Nach dem Bürgerkrieg zogen immer mehr Siedler in den West, überall in mittelamerikanischen Prairie und im Westen entstanden neue Städte; Eisenbahn und Postkutschen erschlossen den Westen.

Zu den Prärien

1862, noch während des Krieges, hatte die US-Regierung das Heimstättengesetz (Homestead Act) erlassen, das gegen eine geringe Gebühr jeder Familia 65 Hektar Land zusicherte, wenn sie darauf siedelte und es mindestens fünf Jahre bestellte. Doch dieses Land nahm sie den Indianern weg und verbannte sie in Reservate. In die Jahre 1862 bis 1890 fällt die letzte Phase der Indianerkriege. 1864 das Sand Creek Massaker, Red Clouds Krieg 1866/1867, seit 1872 waren Geronimos Apachen auf dem Kriegspfad.

1873 hatte die Northern Pacific Railway die Stadt Edwintown in Nord-Dakota in „Bismarck“ umbenannt, zu Ehren des deutschen Kanzlers Otto von Bismarck. Die Eisenbahnlinie wollten so deutsche Einwanderer in die Region holen, und auch deutsche Investitionen in die Eisenbahn, besonders jetzt, da auch Deutschland von der Weltwirtschaftskrise 1875 schwer getroffen war; viele dort hatten ihr erspartes Kapital verloren, viele kleine Handwerker und Geschäftsleute fürchteten den sozialen Abstieg durch die industrielle Konkurrenz. Immer mehr Menschen suchten ihr Glück in den Vereinigten Staaten; in den Jahren zwischen 1865 und 1890 reisten über 10 Millionen Menschen über den Atlantik. Für viele war Amerika das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.

Dann wurde in den nahegelegenen Schwarzen Bergen in Süd-Dakota Gold gefunden. Tausende von Goldsuchern strömten in die Region, die für die Sioux Indianer Heiliges Land war. Das verschärfte die Spannungen mit den amerikanischen Ureinwohnern, ein neuer Krieg brach aus. Am 25. Juni 1876 wurde die 7. Kavallerie unter General Custer am Little Big Horn von den Sioux vernichtet.

Ein zweiter Besuch in Amerika (1877)

Lorenz Tochter Amber war für Emil und Lena wie eine kleine Schwester. Als sie heiratete, wollten sie unbedingt dabei sein, und reisten mit ihrem Töchterchen Susan nach Amerika. Zur Hochzeit war ihre ganze amerikanische Familie zusammengekommen.

Diesmal war es ein glücklicher Anlass, und Lena und Emil brachten gute Neuigkeiten aus Deutschland. Sophie und Andras waren jetzt Diplomaten, gesandt nach München im Königreich Bayern, das war nicht zu weit weg. Sophies Ausbildungs- und Austauschprogramm war gut angelaufen. Die beiden hatten zwei Kinder, Lottie und Joscha, doch für eine Reise über den Atlantik waren sie noch zu klein. Graf Andras‘ früherer Bursche Jakob war bei Sophies betagten Eltern Anni und Jean geblieben, die drei hatten sich von Anfang an gut verstanden. Endlich waren gute Zeiten angebrochen.

Die kleine Susan jauchzte vor Freude, als sie die gelben Blümchen mit den schwarzen Köpfchen sah, denen sie ihren Namen verdankte. Liebevoll strich sie über die Blätter und brachte ihr Näschen dicht an die kleinen Blumen. Überhaupt war der „Merry Dragon“ für sie eine verzauberte Welt. Da war der lächelnde Drache über der Eingangstür, der nun schon an die 150 Jahre alt war. Die schönen Gardinen und Tischtücher, Niklas‘ Zeichnungen an der Wand, seine Weinkarte und Jennys Geschirr, auf dem sich kleine und große Drachen tummelten. Vorsichtig fuhr sie mit ihrem Fingerchen über die Konturen der Drachen und schaute sie nachdenklich an. „Der hier sieht aus wie Du, Onkel Harvey“, stellte sie fest.

Der aufrechte politische Journalist

Harvey war inzwischen ein älterer Herr. Nach dem Tod seines Vaters Niklas war er auf dem Bergmannschen Weingut geblieben, wo jeder Mann gebraucht wurde. Nicht nur für die Arbeit im Weinberg, immer wieder mussten sie sich gegen die Schikanen und Intrigen von Kriegsgewinnlern und „Carpetbaggern “ wehren. Harvey, der als Journalist die Schattenseiten der Politik gut kannte, hatte sich nicht gescheut, diese Praktiken anzuprangern. Und doch kostete es ihn viel Kraft.

Lena setzte sich zu ihm. „Lorenz hat uns viele Deiner Artikel geschickt, Harvey“, sagte sie zu ihm, „ich bewundere die Art, wie Du über Euer Land und seine Menschen schreibst, die doch so unterschiedlich sind, und wie Du allen gerecht werden möchtest und Dich vor keinen Karren spannen lässt. Du darfst jetzt nicht aufgeben. Und schreibe auch die Geschichte Eures Städtchens weiter, schreibe von einer Familie, die über Generationen und über einen Ozean hinweg zusammenhält.“

Genug Teller und Tassen für alle

Eines Nachmittags, als Harvey mit den Kindern alleine im „Merry Dragon“ war, wunderte er sich über die plötzliche Stille. Er lauschte, dann hörte er Geräusche aus dem früheren Arbeitsraum seiner Mutter Jenny. Da waren Susan und die anderen Kinder, und alle waren sehr beschäftigt, aus Ton Teller und Tassen zu formen. „Jetzt wo wir so viele in der Familie sind haben wir nicht genug Teller und Tassen für alle“, sagte sie ganz ernsthaft. Dann widmete sie sich wieder ihrer Arbeit.

Ein Geschenk an die nächste Generation

Zunächst fehlten Harvey die Worte, dann stieg tiefe Freude in ihm auf und eher er sich versah, war er mitten mit dabei. Nun, da er älter wurde, würde Harvey nicht mehr so viel reisen, sondern seine Zeit bei seiner Familie im Shenandoah Tal und hier im „Merry Dragon“ verbringen. Wie sein Vater würde er viel mit den Kindern lesen, zum Beispiel „Tom Sawyer“ von Mark Twain, das gerade erschienen war. Außerdem würde er die Geschichte seines Städtchens weiterschreiben. „Kriegsjahre“ würde als dritter Band den ersten beiden „Neue Heimat Pennsylvania“ und „Untertanen und Bürger“ folgen. Es würde nicht einfach werden, über all die schlimmen Jahre zu schreiben. Aber er würde auch von einer Familie schreiben, die über den Ozean hinweg zusammenhielt, wie Lena gesagt hatte. Das wollte er Susan und ihrer Generation mitgeben. Er – Onkel Harvey aus Amerika.

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