Neuigkeiten aus Deutschland

[Amerika und Deutschland, um 1880] Bismarcks „Kulturkampf“ und der Kölner Dom.

Deutschland war geeint, und ein langgehegter Wunsch vieler Menschen war in Erfüllung gegeben. Doch 10 Millionen österreichische Deutsche lebten außerhalb des Reiches. Nun war Preußens Übergewicht überwältigend: es war bei weitem der größte Staat, hatte die größte Armee, die Krone wurde in der Hohenzollernfamilie vererbt, und der preußische Ministerpräsident war in Personalunion Reichskanzler. Das Deutsche Reich war nicht die Demokratie, für die die 1848er gekämpft hatten, und Kanzler Bismarck führte einen erbitterten Kampf gegen jeden, der gegen ihn und seinen Staat war – besonders die Katholiken und die Sozialisten.

Kölner Dom (1880, Deutschland)

„Du glaubst es nicht, Du glaubst es nicht“, begann der Brief, den Lorenz Ende 1880 bekam. Offensichtlich konnte Emil selbst kaum glauben, was er da schrieb. Endlich war der Kölner Dom fertiggestellt! Von der Grundsteinlegung 1248 das Spätmittelalter hindurch hatten die Kölner ein gewaltiges gotisches Gotteshaus erbauen wollen, doch schnell wurde offensichtlich, dass die Mittel nicht reichen würden. Anfang des 16. Jahrhunderts hatte man das Vorhaben aufgegeben, seither ragte der unvollendete Südturm mit dem Kran oben drauf in den Kölner Himmel. Dann, 1842, hatte man beim Kölner Dombaufest die Vollendung feierlich in Angriff genommen. Sogar König Friedrich Wilhelm IV., ein Protestant, war zugegen gewesen.

Und nun war der Kölner Dom fertig gestellt. Im August 1880 begaben sich Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta zur Feier nach Köln. Doch der Erzbischof war nicht dabei und die Atmosphäre war frostig. Dabei hätte hier der Frieden zwischen Bismarcks Staat und der katholischen Kirche besiegelt werden sollen. „Kein Wunder“, dachte Lorenz, „Bismarcks Kampf gegen die katholische Kirche, der sogenannte Kulturkampf, hat zu tiefe Gräben gerissen.“

Bismarcks „Kulturkampf“ (1871-1880, Germany)

Fast die ganzen 1870er Jahre hindurch hatte der „Eisenerne Kanzler“ einen „Kulturkampf“ gegen die Katholiken geführt, die ungefähr 36 % der deutschen Bevölkerung ausmachten. Er hatte kirchliche Schulen und staatliche Kontrolle gestellt und die Jesuiten aus dem Land gewiesen. Die Erzbischöfe von Köln, Münster und Trier waren verhaftet und ausgewiesen worden. Bistümer und Pfarreien waren unbesetzt, katholische Schulen und Orden aufgehoben.

Die Kirche hatte viel der Sozialarbeit geleistet, und viele Menschen litten Not. De Weltwirtschaftskrise von 1875 hatte die deutsche Wirtschaft schwer getroffen und viele Existenzen zerstört, nun strömten viele Menschen in die Großstädte, um als Industriearbeiter etwas zu verdienten. Die Lebensbedingungen waren verheerend.

Wieder war Annis „Stübchen“ Zufluchtsort für viele, die nicht mehr weiter wussten, sie schmierte Butterbrote und verteilte sie an Bedürftige. Liebe, liebe Anni! Sie war nicht einverstanden mit dem Papst und vielen hohen Geistlichen, überhaupt nicht – deren dogmatische und intolerante Art war unerträglich. Und nun dieser Papst in Rom, Pius IX., der ächtete nicht nur alle Weltanschauungen, die mit seinem extrem konservativen Glaubensverständnis nicht einhergingen, sondern ließ das I. Vatikanische Konzil von 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen verkünden!

Aber Bismarck war zu weit gegangen. Die Sorge für Armen und Schwachen, Mitmenschlichkeit und die Grundwerte des christlichen Glaubens waren auch in ihr tief verankert. Dazu bedurfte es keiner Dogmatiker, weder in Rom noch in Berlin. Bismarcks letzte Gesetze wurden von vielen, auch reichstreuen Protestanten, als Schikane empfunden. Schließlich, 1878, musste er nachgeben.

Sozialistengesetze

Der Kulturkampf war gerade beigelegt, da begann Bismarcks erbitterter Kampf gegen die Sozialisten. 1875 hatten zwei Arbeiterparteien zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammengeschlossen. Ihre Ziele hatte der Vorsitzende August Bebel einmal so formuliert: „Das Deutsche Reich, in Wirklichkeit nur ein erweitertes Preußen, war ein Klassenstaat und ein Militärstaat, und da sie Feinde des Klassenstaates waren, mussten sie auch Feinde des Reiches sein.“

Als 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm verübt wurden, brachte Bismarck im Reichstag das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ ein, obwohl er wusste, dass die Sozialisten keine Schuld traf. Die Mehrheit stimmt zu. Von 1878 bis 1890, waren alle sozialdemokratischen Vereine, Veranstaltungen, Presse und Bücher verboten, viele Sozialdemokraten wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt oder ausgewiesen. Doch das stärkt ihren Zusammenhalt und brachte ihnen neue Anhänger und immer mehr Stimmen.

Eine komische Parallelität der Ereignisse

„Was für eine komische Parallelität der Ereignisse“, dachte Lorenz und schmunzelte. Nord-Dakotas Hauptstadt war in „Bismarck“ umbenannt worden, um deutsche Auswanderer anzuziehen. Billy the Kid war noch immer auf der Flucht. In Tombstone, Arizona, gerieten die Earps und die Clantons gewaltsam aneinander. „Daheim in Köln feiert Kaiser Wilhelm mit allen Honoratioren die Einweihung des Doms, bei uns im Westen feiern die Colts. Wenn Kaiser Wilhelm und Bismarck je in den Westen der USA kämen, würden sie wohl einen Kulturschock kriegen.“

Bismarck’s Sozialgesetzgebung

Die Sozialisten bekämpfte Bismarck erbittert, denn sie bekämpften seinen Staat. Zugleich sah Bismarck die große Not der Arbeiter und hielt es für die Pflicht des Staates, ihnen zu helfen. Gegen heftigsten Widerstand von Rechts und Links brachte er 1883-89 seine Sozialversicherungsgesetze durch: Krankenversicherung, Unfallversicherung sowie Alters- und Invalidenversicherung. Hinzu kamen Schutzvorschriften, der Frauen- und Kinderarbeit waren engere Grenzen gesetzt. Bismarcks Sozialgesetzgebung war die fortschrittlichste in ganz Europa, und doch konnte er die Arbeiterschaft nicht mit dem Staat versöhnen, die SPD gewann immer mehr Stimmen.

Bildnachweis
Das Bild ist aus der Deutschen Wikipedia, public domain section.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*