Wiederaufbau im Süden

[Amerika, 1865] Emil und Lena kommen aus Deutschland und helfen beim Wiederaufbau.

Fast zwanzig Jahre nach seiner Ankunft in den USA stand Lorenz, begleitet von seiner Tochter Amber, wieder an der Südspitze Manhattans am Kai. Er wartete auf seinen Neffen Emil und dessen Frau Lena, die an Bord eines der neuen Dampfschiffe nach New York gereist waren. waren.

Als in den USA der Krieg ausbrach, bangte auch die ganze Familie Bergmann am Rhein um ihre Verwandten in Amerika. Sie alle hatten zusammengelegt, damit Emil und Lena nach Amerika fahren und ihren Verwandten dort beistehen konnten. Auch Emil hatte in eine Winzerfamilie geheiratet.

Castle Garden, New York (1865, Amerika)

Vor Castle Garden war Lorenz lange stehen geblieben. Hier legten die Schiffe aus Europa an, hier wurden die Einwanderer registriert. Nun, da der Krieg vorbei war, würden sicher wieder unzählige Menschen kommen, und immer mehr Auswanderer holten ihre Verwandten nach. Inzwischen war die Auswanderung recht gut organisiert: Die großen Reedereien unterhielten in zahlreichen Städten Auswanderungsagenturen; von Hamburg und Bremerhaven fuhren Dampfschiffe mit dem für Auswanderer eingerichteten Zwischendeck nach Fahrplan in die USA. Lorenz wusste, dass es auch in Köln Auswanderungsagenturen gab. „Für die einen eine Lebensentscheidung, für die anderen ein Geschäft“, dachte er.

Emil und Lena

Nun kamen die Passagiere von Bord des Dampfers. Würde Lorenz seinen Neffen überhaupt wiedererkennen? Damals, bei seiner Flucht, war Emil ein kleiner Junge gewesen. Während Lorenz noch nach seinem Neffen ausschaute, entschied Amber, dass eine bildhübsche rotblonde Frau unter den Passagieren ihre Cousine Lena aus Deutschland sein müsste, und lief auf sie zu: „Lena!“ Ein zweifacher Jubelschrei war die Antwort – und dann konnte Lorenz nach so vielen Jahren endlich seinen Neffen in die Arme schließen.

Familientreffen (1865, Amerika)

Wenige Tage später stand Annelie in der Backstube des „Merry Dragon“. Ihr Haar war zerzaust, Mehl klebte an ihrer Nase und auf ihrer Schürze war ein dicker Fleck. Doch Annelie war so glücklich wie lange nicht mehr. Endlich war ihre Familie wieder beisammen. Amber und Lorenz hatten Lena und Emil mitgebracht, Niklas und Harvey waren da und Joseph und Ben mit ihren Familien aus dem Shenandoah-Tal. Am übernächsten Tag würden sie mit den beiden aus Deutschland auf ihr Weingut fahren. Auch Amber wollte unbedingt mit

Arbeit auf dem Weingut

Auf dem Weg nach Virginia sahen sie überall Verwüstung und Zerstörung durch den Krieg. Emil und Lena waren erschüttert. Auf dem Weingut hatten der Captain mit seinen Soldaten das Haus und die Wirtschaftsräume instandgesetzt. Nun musste der Weinberg neu vorbereitet, neue Rebstöcke mussten besorgt und eingepflanzt werden. Emil und Lena konnten genug Englisch und verstanden sich auf Anhieb mit den Virginiern. An einem besonders schönen Morgen lief einer von ihnen auf Emil zu. „Mountain Man, ich fahre in die Blue Ridge Mountains“, rief er fröhlich, „wollt Ihr nicht mitkommen? Ihr arbeitet so hart, etwas Abwechslung wird Euch gut tun!“ Amber lachte. „Ja, ja, hier heißen wir Mountain Man“ erklärte sie fröhlich, „Und Ihr gehört voll dazu!“

Mit wenigen Strichen eine ganze kleine Welt lebendig werden lassen

Niklas jedoch war sehr bedrückt. Oft saß er stumm da und starte ins Leere. Lena trat zu ihm. „Ich werde nicht mehr helfen können“, sagte er. Lena dachte anders darüber. „Du hast mit so viel Zuneigung von Deiner neuen und Deiner alten Heimat geschrieben“, begann sie, „und so viel Liebe steckt in Deinen Zeichnungen. Mit wenigen Strichen kannst Du eine ganze kleine Welt lebendig werden zu lassen. Wenn ich Deine Zeichnungen vom „Merry Dragon“ betrachte, höre ich fast die Gäste reden, rieche das gute Essen und möchte meine Nase ganz nah an die Black-Eyed Susans bringen um herauszufinden, ob auch sie riechen.“ Nun musste Niklas doch lächeln. „Sie haben einen unaufdringlichen, süßen Duft, und sie sind wunderschön, nicht?“ sagte er.

Niklas‘ Weinkarte (Amerika, 1866)

„Wir werden wieder Wein haben, magst Du nicht eine Weinkarte für den „Merry Dragon“ zeichnen?“ schlug Lena vor. Amber brachte Stifte und hielt das Papier, wenn Niklas‘ Finger zittrig wurden. „Den Mountain Man’s Red Bliss machen wir aus der Norton-Traube, die hier in Amerika wächst“, erklärte er während der zeichnete, „dafür brauchen wir ein Bild vom Shenandoah-Tal. Schaut, das ist der Fluss, und das sind die Blue Ridge Mountains. Unseren Weißwein keltern wir aus Chardonnay und auch aus Riesling-Trauben. Die wachsen auch am Rhein.“ „Oh ja“, bestätigte Lena, „die bauen wir viel an!“ Da zeichnete Niklas eine Szene am Rhein. Lena war bewegt. „Das ist zuhause, der Rhein und die Sieben Berge .. Niklas, dass Du das nach all den Jahren noch so vor Augen hast!“ Es wurde eine wunderschöne Weinkarte. Dann gab Niklas ihnen noch eine Zeichnung, die er heimlich gemacht hatte. Sie zeigte Amber und Lena. „Ihr beide seid auch Mountain Man’s Bliss“, sagte er lächelnd. Einige Wochen später verstarb Niklas im Kreis seiner Familie. Seine letzte Ruhe fand er neben seinem Bruder und seiner Schwägerin. Seine Weinkarte aber war ein Versprechen, dass das Weingut und der „Merry Dragon“ weiterbestehen würden.

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