Auswanderungswelle 1880-1893

In den 1880er Jahren kam es zu einer erneuten Auswanderwelle. Zwischen 1880 und 1893 verließen über 1,7 Millionen Menschen das Deutsche Reich. Die meisten waren Angehörige unterbäuerlicher Schichten aus dem ostelbischen Raum. 1882 erreichte die Zahl der Auswanderer aus Deutschland ihren Höhepunkt. Das war in den Jahren, bevor der wirtschaftliche Aufschwung des Kaiserreichs auch ihnen zugute kam, und die Sozialversicherungen halfen, Leid zu mildern.

Das Elend der Industriearbeiter

Obwohl die Industriearbeiter tagtäglich so viel leisteten und der wirtschaftliche Aufschwung des Kaiserreiches ohne sie gar nicht möglich wäre, lebten viele Arbeiterfamilien im Elend. Eine große Familie teilte sich eine fensterlose Stube in einer Mietskaserne, darin standen mehrere Betten, die man sich teilte. Familienväter arbeiteten täglich sehr lange, Familienmütter saßen bis in die tiefe Nacht über Näh- und Handarbeiten. Sobald die Kinder groß genug waren, arbeiteten sie mit – als Laufburschen, Zeitungsausträger und Schuhputzer, vor und nach der Schule und an Wochenenden. Dennoch reichte das Geld oft hinten und vorne nicht.

Die Arbeiterschaft organisierte sich in Gewerkschaften und politischen Parteien. Sozialisten aber standen ganz am unteren Ende der Gesellschaft; Reichskanzler Bismarck verfolgte sie mit aller Härte. Doch er sah auch die Not der Industriearbeiter und ihrer Familien zu lindern und sie für den Staat und das Reich zu gewinnen, und machte sich an seine große Sozialgesetzgebung.

Wirtschaftsmacht USA

Die USA stiegen zur weltweit führenden Wirtschaftsmacht auf. New York war eine Millionenstadt, Hochhäuser ragten in den Himmel. 1867 hatten sie Alaska von Russland erworben, 1882 kam der Bundesstaat Washington hinzu. Das ganze Land gehörte nun den US-Amerikanern, die Indianer waren in zahlreichen Kriegen getötet oder in Reservate gedrängt worden. Auch mit der freien Landnahme war es vorbei.

Ellis Island

Ende des 19. Jahrhunderts änderten die USA ihre Einwanderungspolitik, sie wurde restriktiver. 1882 hatte man schon die Einwanderung von Chinesen verboten. Nun kamen hauptsächlich Menschen aus Irland, England, Italien und Russisch-Polen, aber besonders Menschen aus Osteuropa sah man in den USA nicht gerne, denn man hielt sie für nicht assimilierungswillig.

1892 entstand auf Ellis Island, einer dem Hafen von New York vorgelagerten Insel, eine neue Sammelstelle. Bis zu 12.000 Menschen am Tag kamen hier an. Ellis Island war nicht nur größer als Castle Garden, sondern durch seine Insellage auch besser geeignet.

Ballin-Stadt in Hamburg

In den 1880er Jahren war Hamburg neben Bremen und Rotterdam der bedeutendste Übersee- und Auswandererhafen. Woche für Woche brachen unzählige Menschen von hier aus in die „Neue Welt“ auf.

Die Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Actiengesellschaft (HAPAG) hatte seit den 1890ern ihre eigene Direktlinie Hamburg – New York. Von 1888 bis 1892 war Carl Schurz ihr Vertreter in New York. Die Hapag war verpflichtet, abgelehnte Auswanderer auf eigene Kosten zurückzubringen. So baute man zunächst die „Auswandererbaracken“ am Amerikakai, damit die nötigen medizinischen Kontrollen schon vor Abreise erfolgen konnten. Einige Jahre später ließ der Generaldirektor der HAPAG, Albert Ballin, auf der Elbinsel Veddel Massenunterkünfte errichten. 1901 eröffnete die HAPAG die „Auswandererhallen“ für 1.200 Personen, sie hatten ihren eigenen Eisenbahnanschluss.

Rückgang

Nach der langen Phase der Stagnation ging es in Deutschland endlich wieder aufwärts. Das Nationaleinkommen in Deutschland verdoppelte sich fast zwischen 1896 und 1912, und da Löhne und Preise stabil blieben, erhöhte sich auch das Realeinkommen für alle Schichten des Volkes.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts war überall die Bevölkerungskurve steil angestiegen. In Europa von 175 Millionen um 1800 auf 460 Millionen im Jahr 1904,  in Deutschland in ungefähr derselben Zeit von 25 auf nahezu 65 Millionen. Die USA mit all den Einwanderern konnten ihre Einwohnerzahl mehr als verdoppeln. Diesen Fortschritt verdankte die Menschheit vor allem den neuen Erkenntnissen der Heilkunde und Hygiene. Die Kindersterblichkeit ging zurück, die durchschnittliche Lebensdauer der Erwachsenen erhöhte sich, und auch schweren Krankheiten wie der Tuberkulose stand man nicht mehr hilflos gegenüber.

Ab 1893 ging die Auswanderung stetig zurück. Hatte die Zahl der Auswanderer 1882 mit über 200.000 einen  Höhepunkt erreicht, so waren es 1895 nur noch 37.000, ab 1908 waren es dann nur ca. 20.000 Menschen im Jahr.

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