Deutschland – ein Wintermärchen

[Amerika, um 1845] Jean am Rhein schmuggelt Heines Buch zu Niklas in die USA.

Eines Abends zuhause im „Merry Dragon“ fand Harvey seinen Vater Niklas ganz vertieft in ein Buch. „Was liest Du da, Vater?“ fragte er, „Du sieht traurig aus.“ Niklas schaut auf.

Zensur in Deutschland

„Oh, Harvey. Das ist ‚Deutschland. Ein Wintermärchen‘ von Heinrich Heine. Daheim ist es verboten, ich habe es auf einem ganz abenteuerlichen Weg bekommen. Mein Verwandter Jean hat es heimlich gekauft, bei sich zuhause versteckt, und auf seinem Rheindampfer aus der Preußischen Rheinprovinz hinaus nach Frankreich geschmuggelt. Dort hat er es abgeschickt. „

Auch Harvey kannte Heine, den Dichter aus Düsseldorf, der seine rheinische Heimat liebte und nun schon lange im Pariser Exil lebte. Sein Vater Niklas liebte seine neue Heimat in Amerika, und doch war im die alte Heimat am Rhein im Herzen geblieben, da ging es ihm wie Heine. „Ja“, sagte er, „die Zeitungen schreiben immer wieder, dass Heines Werke in Deutschland nicht mehr veröffentlicht werden dürfen.“

„Schon lange nicht mehr“, bestätigte Niklas traurig, „Du kennst sein Gedicht ‚Die Nacht auf dem Drachenfels‘, ich habe es Dir ja oft genug vorgelesen. In jener Nacht des 18. Oktober 1819 feierte Heine mit anderen Studenten der Bonner Universität den Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, oben am Landsturmdenkmal auf dem Drachenfels. Das war verboten. Die preußischen Behörden reagierten sofort und verboten den Studenten jede Teilnahme an Burschenschaften oder anderen Verbindungen. Als ‚Die Nacht auf dem Drachenfels‘ 1827 im ‚Buch der Lieder‘ erschien, wurden seine Werke bereits zensiert.“

Bittere Armut

„Dann haben Jean und seine Familie ein großes Risiko auf sich genommen“, sagte Harvey bewundernd. Niklas lächelte. „Ja, das haben sie wohl“, antwortete er, „ich wünschte, wir würden bald bessere Zeiten erleben und Du könntest sie kennenlernen. Jeans kleine Tochter Sophie hatte das Buch schon entdeckt. Sie und ihr Bruder Hans sind großartige Kinder. Sie unterstützen ihren Großvater Hubert, den Volksschullehrer. In dieser Zeit bitterer Armut in Europa kommen viele von Huberts Schülern mit leerem Magen zur Schule, falls sie überhaupt kommen können. An jedem Schultag helfen Sophie und Hans, Butterbrote und Früchte vor, die Hubert dann für diese armen Schüler mitnimmt.“

Verbundenheit

Traurig sagte Niklas: „1843 reiste Heinrich Heine noch einmal nachhause, nach Deutschland, von dieser Reise erzählt das Wintermärchen. Es ist ein politisches Gedicht, in dem er die Restaurationspolitik und die Gleichgültigkeit König Friedrich Wilhelms IV. gegenüber dem Schicksal der einfachen Menschen anprangert. Schon im Oktober 1844 wurde es verboten*, im Dezember erging gegen Heine Haftbefehl. Zugleich ist es ein persönliches Gedicht, durch Spott und Ironie hindurch fühlt man seine tiefe Verbundenheit mit der Heimat.“ „Ich weiß“, sagte Harvey, „Du empfindest die gleiche tiefe Verbundenheit, und Du liebst auch dieses Land. Du hast ein großes Herz, Vater!“

* Im selben Jahr wurde auch Heines Gedicht „Die schlesischen Weber“ verboten. Er schrieb es, als das preußische Militär einen Aufstand der schlesischen Weber 1844 gewaltsam niederschlug.

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