Nach Amerika

[Atlantischer Ozean, 1714] Auf dem Schiff finden sie neue Freunde: Bradock, Cathy und Sean.

Die Küste Europas wurde immer kleiner, und bald verschwand sie ganz. Antons Beklommenheit wuchs immer mehr. Bisher hatte er kaum Zeit gehabt, das Erlebte zu verarbeiten. Die letzte Nacht in der Heimat im Haus des bergischen Amtsmanns, die Flucht über den Rhein nach Rotterdam, von da nach London, und schließlich der Weg auf das Schiff, das sie in die Neue Welt bringen würde. Äußerlich war er ruhig geblieben und hatte alles getan, um Andreas und den anständigen Amtmann nicht in Gefahr zu bringen. Doch nun holten ihn seine Erschöpfung und Trauer ein.

Neuanfang in Nordamerika

Nordamerika .. Anton hatte noch nie darüber nachgedacht. Er wusste, dass schon viele Familien, die ihrer Religion wegen verfolgt worden waren, ihre geliebte Heimat aufgegeben und einen Neuanfang in Nordamerika gewagt hatten. Welche Strapazen nahmen all diese Menschen auf sich! Sechs bis acht Wochen würde ihre Überfahrt dauern. Auf dem Schiff waren unzählige Menschen eng zusammengedrängt, sie hatten wenig Frischluft und kaum frisches Essen. In ihren Gesichtern sah er Erschöpfung und Wehmut, aber auch Entschiedenheit und Hoffnung auf ein besseres Leben in der Neuen Welt.

Neue Freunde aus Irland

Wie gut, dass Andreas bei ihm war. Dessen aufgeweckte Natur und Wissbegierde hatten sich bald schon wieder gezeigt. Oft war er mit einer kleinen irischen Gruppe zusammen: Bradock, ein älterer Herr, Cathy, ein junges Mädchen und ihr kleiner Bruder Sean. Andreas hatte sich schnell mit Sean angefreundet; zunächst hatten sie sich mit Zeichensprache verständigt, nun lernte er eifrig Englisch. Er schnitzte Spielzeug für den Kleinen und warf dabei dessen Schwester Cathy verstohlen Blicke zu. Sean jauchzte vor Freude, wenn aus einem alten Stück Holz kleine Tiere und vor allem Drachen entstanden. Als er die beiden so sah, lächelte auch Anton wieder. „Habt Ihr schon Pläne für das Leben in Amerika?“ fragte Bradock eines Abends. „Nein“, antwortete Anton, „es ging alles so schnell. Zuhause war ich Baumeister im Dienste des Kurfürsten, aber Kurfürsten gibt es da drüben in der Neuen Welt wohl nicht.“ „Baumeister, das ist ja großartig“, rief Sean, „dann kannst Du ja das Haus unserer Lady ausbauen!“

Bradock

Nun erzählte Bradock ihre Geschichte. Er war Verwalter auf einem Landgut in England gewesen, das Lord Ambrose und Lady Meredith gehörte. Cathy und Sean waren die Kinder einer verstorbenen irischen Küchenhilfe. Lord Ambrose übte Toleranz allen Religionen gegenüber, und Lady Meredith sorgte gut für die Kinder, brachte ihnen sogar lesen und schreiben bei. Schon bald waren Lord Ambrose und Lady Meredith religiösen Eiferern ein Dorn im Auge.

Lady Meredith

Dann brach der Spanische Erbfolgekrieg aus und auch Lord Ambrose zog in den Krieg. Doch zunächst traf er Vorsorge für seine Frau. Sein Schwager, Lord Ruben, lebte in der Neuen Welt, in Pennsylvania, und sollte ihm selbst etwas zustoßen, konnten Lady Meredith und ihr Gefolge finanziell wohl versorgt bei Lord Ruben leben. Jahr für Jahr dauerte der Krieg, und sie sahen Lord Ambrose nur selten. Dann kam die Nachricht, dass er in der Schlacht gefallen war.

Lady Meredith war untröstlich. Sie traf Vorbereitungen, mit Bradock, Cathy und Sean zu ihrem Bruder in die Neue Welt zu segeln. Doch sie hatte die Gier einiger Verwandter unterschätzt, die ihre Erbschaft an sich reißen wollten. Man versteckte eine kostbare Uhr in ihren Räumen, um sie und ihr Gefolge des Diebstahls zu beschuldigen. Die Gesetze jener Jahre waren so hart, dass man vom „Bloody Code“ sprach, schon auf kleine Vergehen wie Diebstahl stand die Todesstrafe. Auch wenn man bei einer Adligen vielleicht weniger hart verfahren wäre – Lady Meredith‘ Vermögen wäre an ihre Verwandtschaft gefallen.

Cathy

„Unserer Cathy haben wir es zu verdanken, dass wir davon gekommen sind“, sagte Bradock mit einem warmen Lächeln, „Sie hat gleich gespürt, dass wir diesen Verwandten nicht trauen konnten, und war wachsam. Sie hat beobachtet, wie die Uhr in Lady Meredith‘ Räume geschafft wurde.“ Sean erzählte weiter: „Dann hat Cathy ihre Geige geholt und ich meine Flöte, und wir haben so laut gespielt, dass das ganze Haus zusammenlief und sich beschwerte. Währenddessen hat Bradock die Uhr aus Lady Meredith‘ Räumen weggeschafft und zurück an ihren Platz gestellt.“ „Es war schon ein Spaß, die verdatterten Gesichter zu sehen“, sagte Bradock, „aber uns allen war klar, dass wir schnellstens weg mussten. Mit Hilfe loyaler Verwandter haben wir es dann auch geschafft.“ Cathy hatte geschwiegen, aber ein glückliches Leuchten lag auf ihrem Gesicht, und Andy drückte verstohlen ihre Hand.

Wenig später lernten sie Lady Meredith selbst kennen. „Wie ich höre, hat Sean Euch schon engagiert“ sagte sie lächelnd, „ich schließe mich seiner Bitte an, doch Ihr solltet wissen, dass es nur ein Cottage ist, ein einfaches Landhäuschen inmitten von ganz viel Farmland am Brandywine Creek im Südosten Pennsylvanias.“ „Liebend gerne“, sagte Anton, „ich danke Euch für Euer Vertrauen.“

Ein stummes Gebet

Nach Wochen auf dem Atlantischen Ozean kam die amerikanische Küste in Sicht. Bald würde ihr Schiff anlegen. Antons Herz war schwer, er hatte sein Zuhause und sein altes Leben im Rheinland verloren, und er hatte keine Ahnung, wie das Leben im kolonialen Amerika sein würd. Und doch war er zutiefst dankbar. Er konnte aus eigener Kraft ein neues Leben in Amerika anfangen, zusammen mit ihren neuen Freunden. Er dachte an den Amtmann, der ihnen zur Flucht verholfen hatte, und sprach ein stummes Gebet: „Möge er keinen Ärger bekommen, weil er uns geholfen hat, und möge ich einen Gelegenheit haben, seinen Anstand und seine Freundlichkeit zu vergelten.“

Bildnachweis
Das Bild ist aus der Deutschen Wikipedia, public domain section.

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