Nativisten und Emigranten

[Amerika um 1850] Den Nativisten sind die vielen Einwanderer in die USA verhasst.

Lorenz hatte sich gut eingelebt. Er hatte seine ganze amerikanische Familie und Land und Leute kennengelernt. Auch ganz persönlich hatte er sein Glück gefunden: Annelie, Heinrichs Tochter, war die Frau seines Lebens. Mit ihr zusammen würde er bald den „Merry Dragon“ übernehmen.

Auch seine irischen Schützlinge waren herzlich aufgenommen worden. Sie lebten in einem kleinen Häuschen in der Nähe und Mutter Heather, eine geschickte Näherin, half nicht nur beim Waschen und Ausbessern der Wäsche im „Merry Dragon“, sondern bestand darauf, neue Gardinen und Tischtücher anzufertigen. Sie wurden herrlich und bald war ihr Geschick im Umgang mit Nadel und Faden so bekannt, dass sie in ihrem Häuschen ein eigenes Geschäft aufmachen konnte. Aber die Aufträge aus dem „Merry Dragon“ waren ihr immer die liebsten. „Vom Revolutionär zum Gastwirt“, dachte Lorenz ein wenig sarkastisch, „auch eine Karriere“. Aber längst war der „Merry Dragon“ viel mehr als ein Ort, wo man essen, trinken und übernachten konnte. Er war eine Begegnungsstätte – hier waren alle Gäste willkommen, solange sie redliche Menschen waren.

„Wessen Land ist das eigentlich?“ Nativisten und Immigranten (1850, Amerika)

Das war damals nicht selbstverständlich. Als Reaktion auf den riesigen Strom von Einwanderern hatte sich die Bewegung der Nativisten geformt, die für in Amerika geborene Weiße eine bessere Behandlung forderten als für Einwanderer, vor allem Iren, die als Bedrohung empfunden wurden. Ihr politischer Arm wurde die 1854 gegründete anti-irisch-katholische Amerikanischen Partei, besser bekannt als „Know Nothings“, die eine gesetzliche Verlängerung der Fristen für Einwanderung und Einbürgerung forderten. „Es ist nicht überall so wie hier, wo wir eine Gemeinschaft sind“, sagte Heather eines Abends zu Lorenz, „die meisten Iren sind Katholiken, schon deshalb schlägt ihnen Misstrauen entgegen. Viele Amerikaner haben Angst, dass die Iren ihnen die Arbeit wegnehmen, denn sie übernehmen sogar schwerste und gefährliche Arbeit für niedrigen Lohn. Manchmal entsteht aus der Angst sogar Hass. Ich habe aus New York gehört, dass es dort Kämpfe um die Vorherrschaft in Slumvierteln gibt.“*

Die Heimat zu verlassen ist nicht einfach

„Als wenn es so einfach wäre, seine Heimat zu verlassen“, dachte Lorenz. Für viele bitterarme Menschen die Auswanderung der letzte Ausweg, auch in Deutschland. Nach Missernten in den Jahren 1845 und 1846 kletterten die Preise für Grundnahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln um ein Vielfaches. In vielen Gegenden kam es zu Hungersnöten, die durch staatliche Maßnahmen wie die verbilligte Abgabe von Lebensmitteln an Bedürftige oder Bauprojekte kaum gelindert werden konnten. Den Gemeinden fehlte das Geld, um bedürftige Familien zu unterstützen.**

Bei allem Glück mit Annelie und dem „Merry Dragon“ bedrückte ihn der Gedanke an seine deutsche Familie sehr. Dann starb Hubert, und Lorenz war untröstlich. „Ihr habt einen sehr starken Zusammenhalt“, sagte Annelie sanft, „Ich bete für ihre Sicherheit, und dass wir sie wiedersehen werden. Papa und Onkel Niklas sehnen das auch herbei.“ „Da stimmt“, antwortete Lorenz, „eine Verwandte kümmert sich um das ‚Stübchen, solange die Familie weg ist. Cousin Emil Bergmann kommt oft nach der Schule, dann tut er so, als wenn er sich ganz auf seine Hausaufgaben konzentriert, dabei hält er Augen und Ohren offen, was über die Familie gesagt wird. Das klingt ganz nach Emil“, sagte er mit einem schiefen Lächeln.

Dann kam ein Brief von Huberts Witwe Henriette. „Hubert wollte immer, dass Ihr Kinder lernt und anständige Menschen werdet“, las er, „er war so stolz auf Dich, und er wollte, dass Ihr alle weiter macht. Anni hat eine ausgezeichnete Stelle in einem Brüsseler Atelier, Sophie und Hans gehen hier zur Schule und erhalten eine gute Ausbildung. Lebe Dein Leben, mein lieber Junge, und sei glücklich.“ Als Lorenz und Annelie heirateten, erhielten sie aus Brüssel eine von Anni handgefertigte, mit einer prächtigen Spitzenbordüren umfasste Tischdecke für ihr Fest.

Endlich aus dem Exil zurück

Erst nach einigen Jahren kamen gute Neuigkeiten. Prinz Wilhelm von Preußen, der den Aufstand von 1849 niedergeschlagen hatte, war nun Militärgouverneur des Rheinlands und Westfalens, er lebte mit seiner Ehefrau Augusta in Koblenz. Allmählich fand er zu einer gemäßigt konservativen Haltung, und er feuerte sogar den stockkonservativen Oberpräsidenten der preußischen Rheinprovinz – sehr zur Erleichterung vieler Rheinländer.

Endlich kam Lorenz‘ deutsche Familie zurück. Henriette war es vergönnt, ihr ‚Stübchen‘ wiederzusehen. Hans wurde Kapitän auf einem Rheindampfer wie sein Vater, und Sophie wurde Hutmacherin bei „Madame Charlotte“. Sie setzte auch die Familientradition fort, neue und schöne Dinge aus alten Materialen zu machen. Es war ein schwieriger Neubeginn, denn sowohl Sophies Familie als auch Madame Charlotte waren wohlbekannte Demokraten, und nun fürchteten vielen reiche Kundinnen, das eine Besuch bei „Madame Charlotte“ die Karriere ihrer Ehemänner ruinieren würde. Doch dann stellten Sophie und Anni ihre Kreationen bei einer Feier in den Rheingärten in Koblenz zu Ehren von Prinzessin Augusta vor, bei der die Prinzessin und ihre Hofdamen anwesend waren, und fanden deren Aufmerksamkeit. Von da an lief das Geschäft. An diesem Tag traf Sophie auch die Liebe ihres Lebens – Graf Andras Csabany, Sohn einer österreichischen Diplomatenfamilie.

*  Das Thema von „Gangs of New York“
** In den Jahren von 1845/1847 bis 1855 kam es zur größten Massenemigration des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika.

Bildnachweis
Das Bild ist aus der Deutschen Wikipedia, public domain section.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*