US-Staatsmann vom Rhein

Eine wichtige historische Figur in dieser Geschichte ist Carl Schurz, ein Rheinländer, der nach der gescheiterten Revolution 1848/49 in die USA ging und dort ein bedeutender Staatsmann wurde.

„Ehe ich das Haus verließ, verweilte ich noch einen Augenblick in meinem Zimmer. Wir wohnten damals auf der Koblenzer Straße und von meinem Fenster hatte ich einen freien Blick auf den Rhein und das Siebengebirge, jene Aussicht, die an Lieblichkeit in der ganzen Welt ihresgleichen sucht. Wie oft hatte ich, in den Anblick dieses anmutigen Bildes versunken, mir träumend eine schöne, ruhige Zukunft aufgebaut! Nun konnte ich in der Dunkelheit nur die Konturen meiner geliebten Berge gegen den Horizont stehend unterscheiden. Hier war meine Arbeitsstube, still wie sonst. Wie oft hatte ich sie mit meinen Phantasien bevölkert! Da waren meine Bücher und Manuskripte, alle von Plänen, Bestrebungen und Hoffnungen zeugend, die ich nun vielleicht auf immer hinter mir lassen sollte. Ein instinktives Gefühl sagte mir, daß es damit nun wirklich vorbei sei. Ich ließ alles liegen, wie es eben lag, kehrte der Vergangenheit den Rücken und ging meinem Schicksal entgegen.“
Carl Schurz, Lebenserinnerungen, Band 1

Kämpfe in Baden

Es ist der Abend vom 10. auf den 11. Mai 1849. Auch die Bonner Demokraten um Kinkel und Schurz waren tief enttäuscht.Der König von Preußen hatte eine Verständigung mit der Krone und auch die Hoffnung auf sozialer Reformen zunichte gemacht. Nun blieb nur der Kampf, um die Reichsverfassung und die nationale Einheit in Freiheit noch zu retten. Längst waren preußische Truppen unter Prinz Wilhelm unterwegs, den Aufstand in Baden und der Pfalz niederzuschlagen. Auch in der Rheinprovinz wurden Männer einberufen. Für viele hieß das, gegen die eigene Überzeugung zu handeln; schon kommt es zu ersten Aufständen in Elberfeld. Als anerkannter demokratischer Führer in Bonn zögerte Kinkel keinen Augenblick: Zunächst würde man sich die Waffen der Landwehr aus dem Zeughaus in Siegburg holen, und dann mit den Aufständischen in Elberfeld kämpfen und den Aufstand nach allen Seiten ausbreiten. Doch der geplante Sturm auf das Siegburger Zeughaus scheiterte kläglich.

Nun schlugen sich beide einzeln nach Baden durch, um sich dem Aufstand dort anzuschließen. Dort, so hoffte man, hätten die Demokraten vielleicht noch eine Chance. Doch den preußischen Truppen hatten die Aufständischen nichts entgegenzusetzen.

Kinkel wurde verletzt und festgenommen, ein Standgericht hielt die Todesstrafe für angebracht, wies zugleich aber darauf hin, dass dem preußischen Staat durch Kinkel kein Schaden entstanden sei und legte eine lebenslange Festungshaft nahe. Auf Bitte vieler Menschen milderte König Friedrich Wilhelm IV. das Urteil, aber zu lebenslangem Zuchthaus wie ein gemeiner Verbrecher.

Als letztes hielten die Aufständischen die Festung Rastatt. Auch Carl Schurz war hier eingeschlossen und rechnete mit allem. Als preußischem Staatsbürger drohte ihm die Todesstrafe. Nach einer dreiwöchigen Belagerung wurde die Festung am 23. Juli 1849 übergeben, um Schlimmeres für die Zivilisten zu verhindern. Gleichwohl verhängten die Eroberer schwere Strafen gegen diejenigen, derer sie in der Stadt habhaft wurden, und 19 Todesurteile wurden in den Festungsgräben durch Erschießen vollstreckt. Carl Schurz und zwei Freunde waren im letzten Monat durch einen Abwasserkanal entkommen; sie flüchteten über den Rhein nach Frankreich.

Kinkels Befreiung

Viele Menschen waren empört über die Behandlung Kinkels und sammelten Geld, um seine Familie zu unterstützen. Heimlich hatte Johanna Kinkel Carl Schurz gebeten, ihren Mann aus dem Zuchthaus zu befreien. Auch er erfuhr heimlich Unterstützung.

In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 konnte er in einer gewagten Aktion mit Unterstützung eines Gefängniswärters seinen Freund Kinkel aus dem Zuchthaus in Spandau befreien. Die beiden flohen durch Mecklenburg über Rostock und Warnemünde außer Landes, gingen an Bord eines Rostocker Reeders und gelangten am 1. Dezember 1850 in die schottische Hauptstadt Edinburgh, von wo sie per Bahn nach London weiterreisten.

Kinkel wollte sich in London ein neues Leben aufbauen. Im Januar 1851 folgte Johanna Kinkel mit den vier Kindern ihrem Mann nach London. Ihnen blieben nicht mehr viele Jahre, 1850 starb Johanna. Einige Jahre später heiratete Kinkel noch einmal. 1866 nahm er eine Professur für Kunstgeschichte in Zürich an, hier verstarb er auch 1882.

Carl Schurz geht in die USA

Carl Schurz reiste weiter nach Paris, hier wollte er bleiben. Doch im Frankreich Kaiser Napoleons III. war der Revolutionär aus Deutschland bald nicht mehr willkommen, er wurde ausgewiesen und ging wieder nach London. Dort lernte er seine Frau Margarethe kennen. Gemeinsam gingen sie 1852 in die USA.

Auch hier engagierte sich Carl Schurz und wurde ein Mitstreiter, ja sogar fast ein Freund Abraham Lincolns. Er warb um die Stimmen der Deutsch-Amerikaner für Lincoln, wurde Botschafter in Spanien und kämpfte im Sezessionskrieg in der Freiwilligenarmee für die Union. Gleich nach dem Krieg schickte Präsident Andrew Johnson ihn zu einer Erkundigungsreise in den Süden, wollte aber Schurz‘ Bericht dann doch nicht lesen.

Später ließ sich Schurz in St. Louis nieder und wandte sich dem Journalismus zu. Er wurde zum Senator für Missouri gewählt (1869-1875), für einen eingewanderten US-Amerikaner war dies das höchstmögliche Staatsamt. Präsident Rutherford B. Hayes (1877-81) berief ihn als „Secretary of the Interior“ in sein Kabinett. Das waren die Jahre des Wilden Westens, als immer mehr Rancher, Siedler, aber auch Abenteurer und Banditen in das noch immer offene Land zogen.

Als „Elder Statesman“ wandte sich Schurz wieder dem Journalismus zu, und er zog nach New York. Er blieb ein starker und engagierter Kämpfer für ehrliche Regierungsführung und ermutigte die reformorientierten Republikaner. Bis zu seinem Lebensende war er ein geachteter, aber unbequemer Politiker. Er starb 1906 in New York.

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